Wer war Christoffel Plantin?

Christophe Plantin war ein Intellektueller mit einem guten Geschäftssinn. Kurz vor 1550 zog er von Frankreich nach Antwerpen. Fünf Jahre später gründete er seine eigene Druckerei und baute sie zur größten Druckerei der Welt aus.

Plantin: Leben

Christoffel Plantin (1520-1589): Gründer und Geschäftsführer der Officina Plantiniana von 1555 bis 1589.

Jugend und Ehe

Plantin wurde um 1520 in Saint-Avertin, einem kleinen Weiler bei Tours in Frankreich geboren. Er lernte Buchbinden und Drucken bei Robert II. Macé in Caen, Normandie und lernte dort auch seine zukünftige Frau Jeanne Rivière kennen. Um 1545 heirateten die beiden. Das Paar bekam fünf Töchter:

  • Margaretha (1547-1594)
  • Martine (1550-1616)
  • Catharina (1553-1622)
  • Magdalena (1557-1599)
  • Henrica (1561/1562-1640)

Ihr einziger Sohn Christoffel wurde 1566 geboren und starb bereits als Kleinkind vor 1570.

Plantin in Antwerpen

Kurz vor 1550 ließ sich Plantin in Antwerpen nieder und verdiente dort anfangs seinen Lebensunterhalt als Buchbinder und Lederbearbeiter. 1550 wurde er offizieller Bürger der Stadt und wollte Drucker werden.

Plantin lässt sich als Drucker nieder

1555 arbeitete Plantin als Drucker. Möglicherweise erhielt er zu Beginn finanzielle Unterstützung von der heterodoxen Sekte des „Hauses der Liebe” und später - ab 1563 - von calvinistischen Teilhabern. Mit ihrer Hilfe baute er sein Unternehmen zur bedeutendsten Verlagsdruckerei der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus.

Plantin wird der Ketzerei verdächtigt

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts herrschten schwierige Zeiten für Schriftsteller und ihre Verleger und Drucker. Religiöse Konflikte und Intoleranz waren an der Tagesordnung. Die Südlichen Niederlande standen unter spanischer Herrschaft und mussten sich zur katholischen Religion bekennen. 1562 geriet Plantin in Schwierigkeiten, als bei einer Hausdurchsuchung seiner Druckerei ein calvinistisches Pamphlet entdeckt wurde. Die schlechten Neuigkeiten erfuhr Plantin auf einer Geschäftsreise. Um der Verfolgung zu entgehen, blieb er bis zum Beweis seiner Unschuld anderthalb Jahre in Paris. Im September 1563 kehrte er nach Antwerpen zurück, wo inzwischen die gesamte Firmenausstattung öffentlich versteigert worden war. Vermutlich waren die Gläubiger-Käufer aber Freunde, die auf diese Weise dafür sorgten, dass der Staat Plantins Besitz nicht beschlagnahmen konnte. Plantin machte diese Leute später zu seinen Teilhabern.

Erfolg

Als Plantin wieder in Antwerpen war, wurde er von einigen kapitalkräftigen Antwerpenern finanziell unterstützt, die in dem engagierten Unternehmer eine gute Geldanlage sahen. Die Officina Plantiniana, die aus Platzmangel schon mehrmals umgezogen war, wurde eine „Compagnie” bzw. eine Handelsgesellschaft. In nur fünf Jahren druckten die von Plantin gebraucht erworbenen Pressen rund 260 Publikationen.

Wieder in Gefahr

1567 wurde die Zusammenarbeit beendet. Plantins Teilhaber, die überzeugte Calvinisten waren, flohen kurz vor der Ankunft des Herzogs von Alba in die Niederlande. Eine echte Bedrohung für Plantin befand sich jedoch in Vianen in der Nähe von Utrecht. Plantin hatte in dieser geheimen Bastion der Calvinisten die Gründung einer antispanischen Druckerei unterstützt. Dieser Hochverrat konnte ihn den Kopf kosten. 

Die Polyglottbibel: ein gigantisches Projekt 

Um sich aller Verdächtigungen zu erwehren, äußerte Plantin in Briefen an mächtige Schirmherren aus dieser Zeit engagiert seine Liebe zur katholischen Kirche. Er unterbreitete ihnen einen Plan, von dem er vermutete, dass er den streng katholischen König Philipp II. interessieren könnte: eine wissenschaftliche Ausgabe der Bibeltexte, der größten Polyglottbibel - oder mehrsprachigen Bibel - des 16. Jahrhunderts.

Sein Plan verfehlte seine Wirkung nicht: Im September 1567 vernahm Plantin, dass Philipp II. zu einer finanziellen Unterstützung bereit sei. Im März 1568 schickte der König den großen spanischen Theologen und Humanisten Benedictus Arias Montanus nach Antwerpen, um die Ausgabe zu überwachen. Fünf Jahre später wurde 1573 das gigantische Projekt abgeschlossen: eine achtteilige Bibelausgabe in fünf Sprachen. Eine wirklich „königliche” Bibel, eine „Biblia regia”.

Erzdrucker des Spanischen Königs

Plantin, der Leiter des größten typografischen Unternehmens des Jahrhunderts, wurde noch während der Arbeiten an der „Biblia regia” mit einem Ehrentitel ausgezeichnet und 1570 zum Erzdrucker des Königs ernannt. Seine guten Beziehungen zu hohen Fürsten lieferten ihm 1571 weitere gewinnbringende Aufträge für das Drucken von Messbüchern, Stundenbüchern und anderen religiösen Massenprodukten für den spanischen Markt und die dazugehörigen Kolonien in Übersee. 

Politische Unruhen in Antwerpen

Anfang November 1576, als Plantin sich mit seinem Unternehmen gerade am Vrijdagmarkt niedergelassen hatte, brach die Spanische Furie aus. Der Brand des neuen Rathauses, die Ermordung Hunderter von Bürgern und die zahlreichen Brandschatzungen der meuternden spanischen Truppen hatten zur Folge, dass sich Antwerpen auf die Seite der Rebellen stellte.

Der Handel mit Spanien, Plantins größtem Abnehmer, geriet in Bedrängnis. Plantin musste zwischen verschiedenen Parteien lavieren: Für die Außenwelt blieb er katholisch, druckte aber auch antispanische Pamphlete und Werke. 1578 wurde er sogar offizieller Drucker der Generalstaaten, die den Aufstand geleitet hatten. 1579 arbeitete er dann für die calvinistische Antwerpener Stadtverwaltung.

Plantin Drucker der Universität in Leiden

Als der spanische Generalgouverneur Alexander Farnese nach dem Fall von Lier 1582 die Umzingelung Antwerpens befahl, dachte Plantin daran, zu fliehen. Für den Fall, dass seine  Antwerpener Officina bei einer eventuellen Einnahme der Stadt zugrunde gehen sollte, gründete er 1582 ein Reserveunternehmen in Leiden und ließ sich 1583 auch dort nieder. Zu diesem Zeitpunkt war Plantin ungefähr 63 Jahre alt.

Die gerade erst eröffnete Universität in Leiden sorgte für einen neuen Absatzmarkt. Plantin wurde auf Empfehlung des großen Humanisten Justus Lipsius zum Universitätsdrucker ernannt und gründete in Leiden den ersten wissenschaftlichen Verlag und Buchhandel der Nördlichen Niederlande. Seine Schwiegersöhne verwalteten inzwischen sein Unternehmen in Antwerpen.

Plantin wieder in Antwerpen

Plantin konnte in Leiden nicht heimisch werden. Als Antwerpen im August 1585 definitiv wieder in spanische Hände fiel, befand er sich bereits auf dem Rückweg. Sein Schwiegersohn Franciscus Raphelengius übernahm 1586 als überzeugter Calvinist die Niederlassung in Leiden. Am Ende seines Lebens musste Plantin dann doch noch den Niedergang Antwerpens und seiner Officina erleben, was ihn schwer enttäuschte.

Tod

Am 1. Juli 1589 starb Christoffel Plantin nach 34 Jahren als Drucker und Verleger.

Er wurde in der Liebfrauenkathedrale beigesetzt.
 

Plantin als Drucker und Verleger

Die Officina Plantiniana war das größte typografische Unternehmen in Europa im 16. Jahrhundert. Plantin war ein gerissener Geschäftsmann, das beweist auch sein ideologischer Pragmatismus. In Zeiten religiöser Konflikte und politischem Chaos lavierte Plantin geschickt zwischen den Parteien hin und her. Er gab sowohl Werke der Protestanten, als auch der Katholiken heraus und sein Buchhandel florierte. Neben eigenen Ausgaben verkaufte er auch Kupferstiche und Werke von anderen Verlegern.

Die produktivste Zeit

Die produktivste Zeit erlebte der Antwerpener Drucker in den Jahren vor der Spanischen Furie (1576). Zwischen 1568 und 1572/73 druckte Plantin sein Meisterwerk, die „Biblia Polyglotta”. In Plantins Druckerei standen 16 Pressen. Es arbeiteten dort 32 Drucker, 20 Setzer, drei Korrektoren und mehrere Angestellte. Zum Vergleich: Die berühmte französische Druckerei von de Estiennes aus dem 16. Jahrhundert hatte nur 4 Pressen in Betrieb.

Jede Woche ein neues Buch

Plantin gab in seiner 34-jährigen Laufbahn als Drucker und Verleger rund 2450 Titel heraus. Neben kleineren Druckwerken sind 1887 davon erhalten geblieben. Das sind durchschnittlich 55 Werke pro Jahr. Eine beeindruckende Zahl - auch heute noch.

Jede Woche war ein neues Buch in einer Auflage von 1000 bis 1250 Exemplaren fertig. Genau diese Anzahl von Blättern konnten zwei Drucker durchschnittlich pro Tag auf einer Druckpresse bedrucken. Bei erfolgreichen Büchern betrug die Auflage manchmal sogar 2500 Exemplare. Die größte Auflage erzielte Plantin mit seiner hebräischen Bibel aus dem Jahr 1566: Davon wurden 7800 Exemplare gedruckt.

Intellektuelle Kundschaft

Plantins Werke waren vor allem für eine intellektuelle und internationale Leserschaft bestimmt: Gelehrte, Studenten, Geistliche, Offiziere,… Seine Bücher wurden in den Niederlanden, im Deutschen Reich, in Frankreich, Spanien und seinen Kolonien in Amerika, in Italien, England und den nordafrikanischen Ländern verkauft.

Plantin und der Humanismus

Antwerpen war seit dem frühen 16. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum des Humanismus. Aus Christoffel Plantins Korrespondenz geht hervor, dass er intensive Kontakte zu allen bedeutenden Humanisten in den Niederlanden und darüber hinaus unterhielt. Mit einigen von ihnen war er auch eng befreundet. 

Christoffel Plantin hatte Justus Lipsius (1547-1606), den nach Erasmus von Rotterdam bedeutendsten Humanisten des 16. Jahrhunderts in den Südlichen Niederlanden, sehr gern. Durch sein Zutun wurde der Kreis der Humanisten um Plantin wesentlich erweitert. Justus Lipsius ließ fast sein gesamtes Oeuvre bei Plantin drucken, der für ihn in seinem Haus auch ein eigenes Wohn- und Arbeitszimmer - das heutige „Justus Lipsiuszimmer” - reservierte. Dort konnte der Humanist dann gleich die Druckfahnen seiner Werke verbessern. 

Plantin war kein Gelehrter, sondern ein Autodidakt. Er war hochbegabt und kultivierte seine Sprachkenntnisse, in der Hauptsache war er jedoch ein Geschäftsmann mit wissenschaftlichem Interesse.
 

Übersicht der Ausgaben Plantins

Plantin druckte religiöse Werke, war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aber auch der bedeutendste Drucker des Humanismus und der Wissenschaften.

Zu seinen humanistischen Ausgaben gehören auch Wörterbücher, Werke über die Grammatik und die Humanwissenschaften, Fabelbücher und Embleme.

Unter die Rubrik Wissenschaften fallen Ausgaben über die Kartografie, Mathematik (8), Astronomie, Astrologie (33), Physik (28), Pflanzenkunde (22) und Medizin (55).

Religiöse Werke

Plantin gab zahlreiche Bibeltexte und Kirchenbücher heraus, für die es beim Aufkommen des Protestantismus (Reformation) und der katholischen Gegenreformation ein großes Interesse gab. 1571 erhielt der Drucker von König Philipp II. von Spanien wichtige Aufträge für den Druck und Verkauf liturgischer Werke in Spanien und den spanischen Kolonien in Übersee. Er druckte Tausende von Gebetbüchern, Messbüchern und Stundenbüchern.

Wissenschaftliche Werke

Plantin hatte einen ausgeprägten Geschäftssinn und wusste genau, welche Bücher sich gut verkauften. Aufgrund seiner hervorragenden Kontakte zu den renommiertesten Gelehrten seiner Zeit gelangten auch viele wissenschaftliche Manuskripte in die Officina Plantiniana.

Pflanzenkunde: die Tulpe

Plantin war der wichtigste Herausgeber der größten Botaniker seiner Zeit wie Rembert Dodoens, Mathias Lobelius und Carolus Clusius. Clusius war einer der ersten in unserer Region, der eine Tulpe untersuchen konnte, die er möglicherweise von Ogier Ghislain de Busbecque, dem Botschafter des deutschen Kaisers beim türkischen Sultan, erhalten hatte. Die Tulpe wurde genau wie der Flieder und die Rosskastanie aus dem ottomanischen Reich hier eingeführt.

Kartografie

Antwerpen war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein international tonangebendes Zentrum der Geografie und der Kartografie. Christoffel Plantin unterhielt bereits ab 1558 sowohl enge berufliche, als auch freundschaftliche Kontakte zu Abraham Ortelius. 1579 druckte Plantin für diesen Geologen den ersten modernen Atlas, das „Theatrum orbis terrarum” oder zu deutsch „Das Theater der Welt”.

Anatomie

Plantin gab das „Vivae imagines partium corporis humani” von Juan de Valverde heraus, eine Nachahmung des Werks des berühmten Andreas Vesalius. Er druckte auch praktische medizinische Werke für Ärzte und Chirurgen.

Mathematik

Plantin hat bahnbrechende mathematische Werke gedruckt, u. a. Werke von Simon Stevin.

Lexikografie

Plantin hat sich besonders um die niederländische Lexikografie und die Ausgabe von Wörterbüchern verdient gemacht. Darunter befindet sich u. a. eine Ausgabe des „Thesaurus Theutonicae linguae” und des „Dictionarium Teutonico Latinum”. Um besser Niederländisch lernen zu können, veranlasste er die Zusammenstellung eines ersten wissenschaftlichen niederländischen Wörterbuchs. Sein Korrekturleser Cornelis Kiliaan fertigte das Werk an.

Musik

Der Musikdruck in den Niederlanden erlebte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts seine Blütezeit. Musikdrucker wie Susato, Phalesius und Plantin waren weltberühmt. Die Großmeister der Typografie Hendrik Van den Keere und Robert Granjon lieferten Plantin Originalmatrizen und Stempel.
 

Museum Plantin-Moretus
Weltkulturerbe der unesco